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Fohlen richtig absetzen

Fohlen richtig absetzen Patricia Lösche Fohlen richtig absetzen

Es ist wieder so weit: Mit Ende der Weidesaison trennen sich die Wege von Stuten und ihren Fohlen. Eine schwere Zeit für die Youngster. Vor allem das traditionell abrupte Absetzen ist ein traumatisches Ereignis für die Jungtiere. Schwierigkeiten und Verhaltensstörungen bei Reitpferden haben hier häufig ihren Ursprung. Vermeiden lässt sich die Trennung nicht, doch Stress und Folgen lassen sich erheblich reduzieren, wenn ethologische Erkenntnisse berücksichtigt werden.

Absetzen - so macht es die Natur

In freier Wildbahn führt nur der Tod der Mutterstute zu einer derart plötzlichen Trennung, und ohne den Schutz der Mutter hat ein Fohlen im ersten Lebensjahr kaum Überlebenschancen. Das instinktive Wissen darum macht das Absetzen auch für unseren Hauspferde-Nachwuchs zur Zitterpartie. Die Frage, wie groß die Belastung ist, ob und wie der Stress reduziert werden kann, ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

Natürlicher Weise werden Fohlen mit Muttermilch versorgt, bis im Folgejahr das nächste geboren wird. Es können auch schon mal zwei Jahre sein, wenn die Stute nicht wieder tragend wurde oder ihr diesjähriges Fohlen verloren hat. Gar nicht so selten kommt es vor, dass Zweijährige sogar zusammen mit dem diesjährigen Geschwister noch hin und wieder die mütterliche Milchquelle aufsuchen. Von der Geburt bis zur Entwöhnung nimmt die Saugleistung des Fohlens kontinuierlich ab, Mutter und Kind können sich langsam umstellen: Die Stute drosselt sukzessive ihre Milchleistung, die Verdauung des Fohlens stellt sich zunehmend auf die Verwertung der im Vergleich zur Muttermilch weniger gehaltvollen Pflanzennahrung ein. Gleichzeitig vergrößert sich die Selbständigkeit der Jungtiere bis zur endgültigen Ablösung, was - wie gesagt - im Normalfall um den Geburtstermin des nächsten Geschwisters stattfindet. Während Junghengste mit der Geschlechtsreife meist vertrieben werden, bleiben Stuten für lange Zeit, oft lebenslang im Familienverband.

Fight or Flight

In der Hauspferde-Zucht wird auf das natürliche Procedere des Entwöhnens wenig Rücksicht genommen. Oft gilt sogar die Maxime: Je plötzlicher, um so besser. Zudem gilt als Geburtstermin der Einfachheit halber für alle Fohlen der 1.1. eines jeden Jahres. Pech für die Spätgeborenen. Ein im Juni oder Juli geborenes Fohlen kommt dadurch viele Wochen weniger in den Genuss mütterlicher Fürsorge und Milch, denn manche sind zum Zeitpunkt des Absetzens erst drei oder vier Monate alt.

Der frühe und abrupte Mutterverlust durch das unnatürliche Absetzen versetzt den kindlichen Organismus zunächst in eine angstbetonte „Fight-or-Flight“-Bereitschaft: Der Körper rüstet sich für den lebensbedrohlichen Ernstfall. Unter dem Einfluss des Stressors Angst drosselt er die Versorgung aller nicht für Flucht oder Verteidigung notwendigen Organe und konzentriert sich auf diejenigen, die dafür dringend benötigt werden. Magen und Darm arbeiten in dieser Zeit auf Sparflamme, das Immunsystem wird heruntergefahren, kognitive Prozesse im Gehirn sind blockiert. Zeitgleich werden die Energiereserven freigesetzt, eine schnell erschöpfte Resource bei Fohlen. Die frei werdende Energie steht jetzt vor allem der Körpermuskulatur und dem Herz-Kreislauf-System zur Verfügung. Jeder von uns kennt das: Wenn wir Angst haben, sind wir stärker und flinker, der Puls schnellt in die Höhe und klar denken geht nicht mehr. Alle Kräfte konzentrieren sich auf die bestmögliche Selbstverteidigung oder auf die Vorbereitung zur Flucht. Darin sind sich alle Säugetiere weitgehend einig.

Dafür ist das Stresshormon Cortisol verantwortlich. Es wird immer dann vermehrt ausgeschüttet, wenn es brenzlig wird. Unter seinem Einfluss wird der Energiestrom umgeleitet in die verteidigungsrelevanten Organe und Strukturen des Körpers. Immunsystem und Verdauung verlieren an Bedeutung, wenn es aktuell um das reine Überleben geht.

Folgen der Angst nach dem Absetzen

Besteht die Situation fort, wie es bei den Absetzern der Fall ist, macht dieser bei einer akuten Bedrohung so sinnvolle Mechanismus potentiell krank. Wer züchtet, kennt das: Bis zu zwei Tage rufen die Fohlen verzweifelt nach der Mutter und laufen ruhelos umher, ein Indiz für den enormen Stress der jungen Pferde. Der erhöhten Alarmbereitschaft folgt Teilnahmslosigkeit bis hin zur Apathie. Die Kleinen fressen kaum und magern stark ab. Durch die geringe Nahrungsmenge und reduzierte Durchblutung des Darms ist die Verdauung oft erheblich gestört. Die verschreckten Pferdekinder bekommen Durchfall, wegen des stressbedingt schwächelnden Immunsystems steigt die Infektanfälligkeit und das Risiko schwerer, zuweilen sogar tödlich verlaufender Erkrankungen. Diese Zeit des Absetzens ist sehr kritisch. Erst nach etwa zwei Wochen finden sich die Kleinen mit der Situation ab, bei den Jüngsten unter ihnen dauert es manchmal auch länger.

Das Leben als Jungtier ist ohnehin nicht einfach. Schon vor dem Absetzen leiden erschreckend viele Fohlen unter Erkrankungen der Magenschleimhaut. Rund die Hälfte waren es in einer 2009 durchgeführten Untersuchung der Veterinärmedizinischen Hochschule Hannover. Zwei Wochen nach dem Absetzen hatten Zahl und Schwere der Erkrankungen jedoch noch einmal erheblich zugenommen.

Absetzen kann krank machen

Eine plötzliche Umstellung der Nahrung erhöht bei Pferden grundsätzlich die Gefahr einer Kolik, weil die Darmflora Zeit benötigt, um sich der neuen Nahrungszusammensetzung anzupassen. Die durch die Stress-Situation herabgesetzte Funktion des Verdauungsapparates erhöht das Risiko zusätzlich. Bleibt die Nahrung zu lange unverdaut im Magen-Darm-Trakt, kann es zu gefährlichen, mitunter lebensbedrohlichen Aufgasungen (Gaskolik) kommen.

Erhöhter Energiebedarf durch die erhebliche Unruhe in den ersten zwei Tagen, gleichzeitig Appetit- und Durstlosigkeit bis hin zur Nahrungsverweigerung und die Schieflage in der Nahrungsverwertung lässt Fohlen nach dem Absetzen schnell abmagern. Es kommt vorübergehend zu einer Minderversorgung des im Wachstum befindlichen Organismus. Auch hier trifft es die Jüngsten am härtesten, denn in den ersten Monaten ist das prozentuale Wachstum am höchsten.

Traumatisches Angsterleben verändert außerdem das Gehirn und schafft dort Negativ-Filter für künftige Situationen, die lebenslang nachwirken können. Rabiate Absetzmethoden werden diskutiert als Ursprung von Stressanfälligkeit, erhöhter Schreckhaftigkeit, Verhaltensstörungen wie Koppen und Weben oder Boxenlaufen, Kleben am Stall, Angst- und Aggressionsstörungen erwachsener Pferde. Spätgeborene sind bei der Trennung gerade mal vier Monate alt. Für ein gesundes Wachstum und intaktes Seelenleben sind sie in diesem Alter noch auf Schutz und Milch der Stute angewiesen. Entsprechend können sie besonders leicht durch das Absetzen traumatisiert werden.

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Dieser Artikel wurde bereitgestellt von Patricia Lösche.

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. In die Wissensvermittlung als Fachjournalistin und als freie Mitarbeiterin der ATM und ATN fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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