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Alltag mit der Katze - Teil 2

Alltag mit der Katze - Teil 2 Hetizia Alltag mit der Katze - Teil 2

Im zweiten Teil der Artikelserie "Alltag mit der Katze " schildert Christine Hauschild Ihnen typische Alltagssituationen aus Ihrer Praxis. Sie werden von Ihrem Fellknäuel um 4.30 Uhr in der Früh geweckt? Die Erde wird aus dem Blumentopf gebuddelt und es wird fleißig an den Möbeln gekratzt? Dieses Verhalten nervt Sie oder Sie können es sich nicht erklären?

Alltag mit der Katze - Teil 2

Eine lerntheoretische Analyse typischer Verhaltensweisen von Katzenhaltern und ihrer unbeabsichtigten, nachteiligen Konsequenzen

Im ersten Teil dieser Artikelserie wurden typische Alltagssituationen und –handlungen von Katzenbesitzern dargestellt und lerntheoretisch analysiert, die negative Folgen sowohl für den Katzenhalter als auch für die Katze haben. Der aktuelle Artikel setzt den Fokus auf Szenarien, die entweder für den Halter oder für die Katze nachteilige Konsequenzen mit sich bringen. Diese Konsequenzen wollen Halter in der Regel weder bewusst erzielen, noch sind sie überhaupt über die möglichen Folgen ihres Handelns im Klaren.

Nachteilige Konsequenzen für den Halter

(All-)Nächtliches Wecken

„Meine Katze weckt mich jeden morgen um 4.30 Uhr. Erst wenn ich ihr etwas zu fressen gegeben habe, lässt sie mich noch einmal weiterschlafen.“ So oder ähnlich geht es recht vielen Katzenhaltern, die regelmäßig zu früherer oder späterer Stunde von ihren Katzen geweckt und am Weiterschlafen gehindert werden. Wie kommt es dazu?

Irgendwann ist immer das erste Mal, und dieses erste Mal kann weitreichende Konsequenzen haben. Vielleicht ist die Katze einfach nur einmal früh wach, besonders animiert durch das Vogelgezwitscher draußen und „versucht einfach mal ihr Glück“ beim Menschen – vielleicht ist dieser ja wach und für etwas Aktivität zu haben? Vielleicht entdeckt die Katze zufällig den Fuss, der so spannend unter der Bettdecke vorguckt, erbeutet ihn (Achtung: selbstbelohnendes Jagdverhalten) – und erntet Reaktion des Menschen? Eventuell ist sie beim ersten Mal auch krank und ihr Mensch steht auf die Klagelaute hin auf, um nach ihr zu sehen und ihr Wohlbefinden zu erhöhen. Egal welches Szenario beim ersten Mal vorliegt, die Reaktionen der Menschen ähneln einander, und die Katze lernt, dass auf ihr Verhalten (miauen, kratzen, herumpoltern) eine Reaktion des Halters folgt: Die erste Fraktion zeigt sich besorgt, weil ihre Katze plötzlich nachts miaut und versuchen herauszufinden, was ihr fehlt. Hat sie Hunger? Möchte sie schmusen? Will sie raus? Oder doch eine andere Futtersorte? Ist diese Reaktion des Halters für die Katze in irgendeiner Weise angenehm, dann wird ihr eigenes Verhalten belohnt und es liegt eine positive operante Konditionierung vor. Die Katze wird das Verhalten von nun an häufiger zeigen. Die zweite Fraktion nächtlich geweckter Katzenhalter ist genervt und grummelt, schimpft oder sperrt die Katze aus dem Schlafzimmer aus. Einigen Katzen reicht bereits diese Interaktion mit dem Besitzer selbst, also die Aufmerksamkeit, die selbst in einem als Strafe gemeinten „Kater, sei still!“ enthalten ist. Auch vom Halter in einen anderen Raum gescheucht (Jagdspiel) oder getragen (sozialer Kontakt) zu werden, kann als Belohnung empfunden werden (positive Verstärkung) und sorgt dafür, dass die Katze in der nächsten Nacht wieder pünktlich auf der Matte steht (operante Konditionierung).

Werden die Besitzer nachts häufiger geweckt, dann ist diese nächtliche Ruhestörung prädestiniert für den Einsatz variabler Verstärkung in zwei Varianten:

In der ersten Variante probieren die Katzenhalter früher oder später, dem nächtlichen Unfrieden mit Nichtbeachtung zu begegnen. Meist halten sie das aber nicht lange durch (d.h. nicht so lange wie die Katze) und reagieren spätestens, wenn die Katze auf ihnen herumspringt oder beharrlich an der Tür kratzt. Erfolgt die Reaktion manchmal sofort, manchmal aber erst nach 20 min, lernt die Katze, dass sie sich nur genug anstrengen und nur lange genug durchhalten muss, damit ihr Mensch reagiert (operante Konditionierung).

In der zweiten Variante sorgt der Halter durch das Angebot verschiedener Arten der positiven Verstärkung des eigentlich unerwünschten Verhaltens für variable Verstärkung. Bietet der Halter der Katze nachts Verschiedenes an, z.B. mal Futter, mal eine Schmuseeinheit, dann vielleicht ein doch noch (ein anderes) Futter zusätzlich, Spiel oder Freigang, wird es für die Katze richtig spannend. Kommt nicht sofort die „richtige“ Belohnung, steigt die Erregung der Katze und sie betreibt ihre Anstrengungen so lange weiter, bis sie das Gewünschte erzielt hat – und freut sich (etwas unsachlich ausgedrückt) umso enthusiastischer über den Erfolg.

Variable Belohnung ist besser geeignet, ein Verhalten zu festigen als kontinuierliche Verstärkung!

Kleiner Exkurs: Nicht nur die Katze, auch der Besitzer wird hier operant konditioniert: Wenn er nicht reagiert, randaliert die Katze weiter und er kann nicht weiterschlafen (positive Strafe für ruhiges Liegenbleiben). Stillt er aber die Bedürfnisse seiner Katze, wird diese ruhig (positive Verstärkung für z.B. Futter geben). Die konditionierte emotionale Reaktion (KER) ist für Mensch und Katze bei dieser nächtlichen Interaktion gegensätzlich: Aus dem Schlaf gerissen zu werden, ist mit negativen Gefühlen von Stress, Ohnmacht, Wut verbunden. Diese werden mit dem Verhalten der Katze verknüpft. Die Katze hingegen erlebt die nächtlichen Interaktionen mit dem Menschen als angenehme und freudige Ereignisse. Dies gilt natürlich nur, wenn dem Verhalten der Katze keine andere Motivation zugrunde liegt, die vom Menschen unabhängig ist (Desorientierung, Angst, Schmerz, sexuelle Kommunikation). In allen Fällen von vermeintlich Aufmerksamkeit forderndem Verhalten sollte unbedingt geprüft werden, ob die legitimen Grundbedürfnisse der Katze, insbesondere nach Jagd und katzentypischer Beschäftigung und Ernährung, befriedigt werden. Oft genug ist das nicht der Fall, und das Abstellen dieses Misstands beseitigt das nächtliche Problem.

Kratzen an Möbeln u.ä.:

Vergleichbare positive operante Konditionierung geschieht, wenn eine Katze Reaktionen vom Halter erfährt, wenn sie etwas tut, was dieser nicht möchte: am Sofa kratzen, Erde aus Blumentöpfen buddeln oder Nippes von der Kommode werfen. Für eine unausgelastete Katze kann die (meist) negative Aufmerksamkeit des Halters eine tolle und spannende Abwechslung darstellen und sie wird dieses Verhalten – zum Unmut des Halters – wieder zeigen.

Katze auf der Arbeitsplatte:

Ein schönes Beispiel für die Macht variabler Verstärkung ist das auf der Arbeitsplatte in der Küche entdeckte und stibitzte Stückchen Fleisch (oder Käse oder…). Die Katze lernt dabei operant, dass ein Sprung auf die Arbeitsplatte sich sehr lohnen kann (positive Verstärkung). Sie wird diese Handlung also in der Zukunft häufiger ausführen. „Katzen, die […] nur in einem von hunderten Versuchen Futter finden, werden dieses Verhalten aufgrund der Zufallsbelohnung konsequent fortsetzen“ (Schroll 2004:165).

Die folgenden Szenarien haben in der Regel ausschließlich für die aktiv oder passiv beteiligte Katze negative Konsequenzen, die der Mensch aber wahrscheinlich kaum als solche wahrnimmt und folglich seine Katze auch nicht davor bewahrt.

Türklingel

„Seid Ihr sicher, dass Ihr eine Katze habt?“ Ein Klingeln an der Tür kündigt an, dass im nächsten Moment Besuch kommt (klassische Konditionierung). Für nicht wenige Katzen ist dies das Signal, auf unbestimmte Zeit unsichtbar zu werden. Fremde Menschen werden von diesen Katzen meist aufgrund mangelnder Erfahrung, seltener aufgrund schlechter Erlebnisse, gefürchtet (KER). Die Katze, die sich vor Besuch so lange versteckt, bis dieser wieder fort ist, wird für ihr Meideverhalten durch negative Verstärkung belohnt – sie ist der Gefahr erfolgreich aus dem Weg gegangen und hat überlebt (operante Konditionierung). Also wird sie sich künftig weiterhin verstecken, anstatt neutrale oder sogar positive Erfahrungen sammeln zu können.

Abbruchsignal

Die Türklingel kann, genau wie das Auftauchen einer bestimmten Person, für die Katze zur Ankündigung eines Interaktionsabbruchs mit dem Besitzer werden. Wenn Besuch kommt und insbesondere wenn es sich dabei um eine neue Liebe handelt, wird die Katze i.d.R. erstmal ignoriert. Werden Aufmerksamkeit für die Katze, Streicheleinheiten, Spiel und „Gespräche“ häufiger durch den Eindringling unterbrochen, so erzeugt bald bereits die das Eintreffen dieser Person Frust (KER). Wird diese Person mehrfach durch die Türklingel angekündigt, wird zudem die Türklingel negativ konditioniert (KER) und löst bei der Katze Frust aus – egal, wer tatsächlich zur Tür hineinkommt.

Abbruchritual

Wenn etwas Angenehmes immer durch ein bestimmtes Ritual beendet wird, kann dies für Klarheit und Sicherheit sorgen, aber auch zu Frust führen. Beendet der Katzenhalter das Spiel immer sofort, wenn die Katze das Spielzeug das erste Mal fängt, dann wird das Fangen der Beute für die noch spielbereite Katze positiv bestraft (operante Konditionerung). Wenn sie künftig beim Spielen das tatsächliche Fangen des Spielzeugs meidet und sich mehr auf Lauern verlegt, läuft sie zudem leider Gefahr, dass ihr Halter das Spiel dann wegen eigener Langeweile abbricht. Enden Spielaktivitäten immer mit Spielabbruch durch den Halter, so kann das Spielen selbst für die Katze zur Ankündigung der bevorstehenden Frustration (KER) werden. Ähnliches kann geschehen, wenn Clickertraining immer mit der gleichen Übung, Click & Standardbelohnung abgeschlossen wird und der Trainer sich einfach entfernt, während die Katze motiviert zurückbleibt. Diese letzte Übung wird zum einen mit der negativen KER Frust verknüpft. Zum Anderen wird die korrekte Ausführung durch den Trainingsabbruch im direkten Anschluss an Click & Belohnung positiv bestraft. Die Katze wird es künftig vermeiden, die Übung so gut auszuführen, dass sie damit Click & Belohnung & Trainingsende bewirkt (operante Konditionierung).

Gefährliches Futter

Das letzte Beispiel für negative Folgen aus unbeabsichtigter Konditionierung hat ebenfalls mit Futter zu tun und kann dramatische Konsequenzen nach sich ziehen: Locken. Wenn eine Katze ein bestimmtes Futter sehr attraktiv findet, kann es möglich sein, sie mit diesem Futter sehr nah an einen stark Angst auslösenden Reiz zu lotsen. Die Katze ist dabei aller Wahrscheinlichkeit nach so auf das Futter fokussiert, dass sie die eigentlich ängstigende Situation nicht als solche wahrnimmt. Der Schreck oder gar die Panik setzen ein, wenn das Futter aufgefressen ist und die Katze sich mit ihrem persönlichen Gruselobjekt konfrontiert sieht. Das geliebte Futter wird auf diese Weise optimal mit Gefühlen von Angst und Panik verknüpft (KER). Den gleichen Effekt kann man beobachten, wenn der Halter die Katze mit Futter in eine Situation lockt, in der ihr Unangenehmes zugefügt wird wie z.B. Medikamenteneingabe, Einsperren, etc. Wenn man Glück hat, wird nur das Sich-locken-lassen auf diese Weise positiv bestraft, so dass die Katze künftig Locksituationen meidet (operante Konditionierung). Mit Pech verknüpft die Katze aber die empfundene Strafe mit dem speziellen Futter (bestimmte Sorte oder bestimmte Art, etwa Trockenfutter oder Nassfutter) (klassische Konditionierung) oder sogar mit dem Fressen selbst (operante Konditionierung). Als Folge kann sie die Futteraufnahme teilweise oder weitgehend verweigern. Man hat es dann nicht mit einer „typischen mäkeligen Katze“ zu tun, sondern mit einer Katze, die dieses Verhalten durch ihren Menschen gelernt hat.

Zwischenfazit

Die dargestellten Alltagsszenen habe ich ausgewählt, weil sie mir in meinem Arbeitsalltag schon besonders oft begegnet sind. Natürlich sind mit ihnen lange nicht alle Situationen abgedeckt und erklärt, die im Zusammenleben von Mensch und Katze zu Irritationen und Disharmonie führen. Das Schöne an der Lerntheorie ist ja aber, dass wir sie immer wieder auf die verschiedensten Situationen anwenden können, um Verhalten zu verstehen und zu verändern.

Der nächste notwendige Schritt besteht in der Vermittlung dieser Erkenntnisse an die Katzenhalter. Die meisten Menschen möchten mit ihren Katzen in einer harmonischen Gemeinschaft leben und ihnen liegt das Wohl ihrer Katzen sehr am Herzen. Entsprechend sind sie in der Regel dankbar, wenn sie lernen können, wie sie negative Konsequenzen vermeiden und positive Folgen hervorrufen können.

Der abschließende Teil dieser Serie wird sich der Frage widmen, wie man normale sowie schwierige Alltagssituationen so gestalten kann, dass weder Katze noch Mensch unter späteren Konsequenzen zu leiden haben.

Literatur

Jean Donaldson: Meins. Birgit Laser Verlag, 2006. Birgit Laser: Clickertraining – mehr als Spaß für Katzen. Birgit Laser Verlag, 2003. Lindsay, Steven R.: Handbook of applied dog behavior and training. Volume 3: Proxedures and Protocols. Chapter 1, Part 1. Blackwell, 2005. Parsons, Emma: Click to calm. KPCB, 2005. Karen Pryor: Positiv bestärken – sanft erziehen. Kosmos, 2006, 2. Aufl. Ken Ramirez: Animal Training. Successful Animal Management through Positive Reinforcement. Shedd, 1999. Dorothee Schneider: Die Welt in seinem Kopf. Über das Lernverhalten von Hunden. animal learn Verlag, 2005. Sabine Schroll: Verhaltensmedizin der Katze. Enke, 2004. Sdao, Kathy: Die Konsequenzen, wenn man Konsequenzen mischt: Verstärker und Strafen sind nicht kombinierbar. In: Clickermagazin 6/2009, S. 16-21.

Lesen Sie hier den dritten Teil der Serie

Dieser Artikel wurde bereitgestellt von Christine Hauschild.

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