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Pferdezahnbehandlung: Auf den Zahn gefühlt

Pferdezahnbehandlung: Auf den Zahn gefühlt Superingo Pferdezahnbehandlung: Auf den Zahn gefühlt

Die Pferdezahnbehandlung hat eine lange Tradition und reicht bis in das 12. Jahrhundert zurück. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Thematik schon ausführlich an den Universitäten durch Prof. Becker doziert. Wir verraten Ihnen, warum nach dem 2. Weltkrieg die Zahnbehandlung beim Pferd in Deutschland an Aufmerksamkeit verloren hat und weshalb es notwendig geworden ist, die Equine Dentistry weiterzuentwickeln.

Pferdezahnbehandlung: Auf den Zahn gefühlt

Erste Berichte über Zahnbehandlung bei Pferden liegen aus dem 12. Jahrhundert vor. Vor mehr als einem halben Jahrhundert war die Wichtigkeit der Zahnpflege bei Pferden Thema in Lehrfilmen und es gab in Deutschland einen weltweit anerkannten Pferdezahnspezialisten. Bereits 1930 Prof. Becker dozierte an Universitäten und in Lehrfilmen und veröffentlichte grundlegende Arbeiten zur Zahnbehandlung bei Pferden. Die Firma Hauptner stellte eine fahrbare Zahnbehandlungsstation her, die mit einigen technischen Veränderungen auch heutigen Standards noch genügen könnte. Vieles davon geriet nach dem 2. Weltkrieg leider in Vergessenheit. Das Pferd verschwand als wichtiger Wirtschaftsträger von der Bildfläche und mit ihm das Wissen um die Zahnpflege.

In den letzten Jahrzehnten wurde der Zahnbehandlung in Deutschland wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das einfache Abschleifen und Beraspeln von scharfen Kanten, sah man als ausreichend an. Parallel zu der in Deutschland stagnierten Entwicklung der Zahnbehandlung entwickelte sich weltweit die Pferdezahnbehandlung weiter. Vor allem in USA, Canada und Australien etablierten sich Schulen die Equine Dentistry lehren und die Ausbildung zum Horse Dentisten ermöglichen. Mit unserem wiedererlangten Wissen können wir heute mit Sicherheit sagen, dass für das heute in erster Linie als Sport- und Freizeitpartner genutzte Pferd die Minimalbehandlung – das Schleifen der scharfen Kanten nicht von ausreichendem Nutzen ist.

Evolution

Im Laufe der Evolution entwickelte sich ein hoch spezialisiertes Steppentier. Mit dieser Entwicklung geht die Entwicklung eines auf das Steppenleben spezialisierten Kauapparates einher. Das Pferd musste in der Lage sein sehr hartes und rohfaserreiches Futter mit Hilfe seines Gebisses in kleinen Portionen so aufzubereiten, dass die schlecht zugänglichen Nährstoffe leichter gelöst werden können. So entwickelte sich ein Gebiss dessen Zähne schmelzfaltig ausgebildet sind, so dass auch ein Zermahlen der härteren Grasstrukturen möglich wird. Da der Mahlvorgang, ebenso wie das Abkneifen des harten Steppengrases, eine Abnutzung der Zahnsubstanz zur Folge hat, wurde durch die Aufnahme und das Zerkleinern des Futters der gesamte Kauapparat abgenutzt. Auch durch die Aufnahme von Sand und erdigen Strukturen wurde die Bildung von scharfen Kanten weitgehend vermieden. Auf Grund dieser Spezialisierung schiebt das Pferd Zahnsubstanz nach, vereinfacht gesagt die Zähne wachsen, etwa 3 mm im Jahr.

Durch den Abrieb der Zahnsubstanz und gut aufeinander passende Ober und Unterkiefer entstand ein natürliches Gleichgewicht im Pferdemaul, bei dem Wachstum und Abrieb sich die Waage hielten.

Pferde mit Gebissanomalien waren wenig überlebensfähig, durch zu geringe Futteraufnahme und schlechteren Versorgungszustand waren sie schwächer und wurden so früher für Fressfeinde leichtere Beute, sie wurden sozusagen selektiert.

Domestikation

Mit der Domestikation des Pferdes verändern sich gleich mehrere Parameter, die für die Zahngesundheit entscheidend sind. Nicht nur dass die Fütterung unserer Pferde sich stark von der ursprünglichen Ernährung des Pferdes unterscheidet – hier wird das Pferd aus evolutionärer Sicht vom Laubfresser zum Hafermotor. Durch unsere moderne Fütterung wird das Gleichgewicht von Abrieb und Nachschieben gestört, wodurch unterschiedlichste Probleme auftreten können. Auch mit der Pferdezucht nehmen wir erheblichen Einfluss auf den Zahnapparat unserer Pferde. Genetisch gesehen werden Ober- und Unterkiefer des Pferdes unabhängig von einander vererbt und die fast in jeder Rasse stattfindende Veredelung hat zur Folge, dass gerade bei den immer feiner und edler werdenden Köpfen insbesondere bei unseren Sportpferden, der Unterkiefer häufig proportional zum Oberkiefer zu schmal, zu kurz oder zu lang ist, so dass die Entstehung scharfer Kanten zusätzlich noch begünstig wird.

Ist es dem Pferd beim Fressen möglich sich gegen Schleimhautverletzungen zu schützen indem es sich die Backen mit Futter auffüllt, so hat das Reitpferd keine Chance dem Schmerz zu entgehen, da das Backenstück von Halfter oder Trense die Backenschleimhaut beim Führen oder Reiten an die scharfen Kanten der Oberkieferbackenzähne drückt. Damit wird klar, dass ein Pferd das als Freizeit- oder Sportpartner genutzt wird ein Anrecht auf eine regelmäßige Zahnbehandlung hat. Viele reiterliche Probleme beginnen im Pferdemaul und wirken sich von hier auf den Gesamtorganismus Pferd aus.

Das Gebiss des Pferdes

Das gesunde Gebiss des Pferdes besteht aus fünf Zahngruppen. Der Wolfzahn wird in der Literatur häufig zu den Vormahlzähnen gezählt, obwohl er sich im Aufbau erheblich von den echten Backenzähnen unterscheidet. Hier soll er als eigene Gruppe aufgezählt werden:

1Schneidezähne – Dentes Incisivi I1-I3

2Hakenzähne, Hengstzähne – Dentes Canini C

3Wolfszähne – Dentes Lupinus P1

4Vormahlzähne, vordere Backenzähne – Dentes praemolares P2-P4

5Mahlzähne, hintere Backenzähne – Dentes Molares M1-M3

Das ausgewachsene Pferd besitzt insgesamt 12 Schneidezähne, wobei alle 12 erst als Milchzähne angelegt sind. Die Milchschneidezähne werden im Alter von 2,5 bis 4,5 Jahren von innen nach außen durch die Bleibenden ersetzt. Schneidezähne besitzen so genannte Schmelzeinstülpungen, das Infundibulum, anhand deren wird die Zahnaltersschätzung möglich.

Beim erwachsenen männlichen Tier sind meist 4 Hakenzähne vorhanden, wobei diese bei Stuten in unterschiedlicher Zahl von einem bis zu vieren auftreten, gar nicht vorhanden sind oder aber als blinde Hakenzähne unter dem Zahnfleisch verdeckt vorliegen. Der Haken- oder Hengstzahn ist ein schmelzhöckriger Zahn und hat keine Okklusionsfläche (Kaufläche). Es gibt nur rudimentäre Milchzahnstrukturen die nicht durchbrechen, im Alter von 4- 5 Jahren brechen die bleibenden Hakenzähne durch das Zahnfleisch.

Wolfszähne finden sich in unterschiedlicher Zahl bereits beim einjährigen Pferd. Von einem bis acht scheint alles möglich, wobei bei den meisten Pferden ein oder zwei Wolfszähne im Oberkiefer zu finden sind, gelegentlich im Unterkiefer, sehr selten findet man mehr als vier. Wolfszähne treten auch verdeckt unter dem Zahnfleisch als blinde Wolfzähne oder deutlich vor dem ersten Backenzahn als versprengter Wolfszahn auf. In beiden Fällen bereiten sie erhebliche reiterliche Probleme.

Die Backenzähne sind schmelzfaltig und beim erwachsenen Pferd findet man üblicherweise 24 bleibende Backenzähne, wobei nur vorderen Backenzähne P2-P4 Milchzahnvorläufer haben, die im Alter von 2,5 Jahren bis 3,5 Jahren von vorne nach hinten gewechselt werden. Die hinteren Backenzähne M1-M3 brechen im Alter von 1, 2 und 3 Jahren als bleibende Zähne durch.

Die Biomechanik des Kiefers Kontakt, Balance und Beweglichkeit

Die Bewegung des Kiefers findet in drei Ebenen statt, wodurch Futteraufnahme und Zerkleinerung gewährleistet werden. Der Unterkiefer des Pferden kann neben der Auf- und Ab-Bewegung, eine Vor- und Zurück-Bewegung ebenso ausführen, wie die seitliche Bewegung nach links und rechts. Die Auf-Ab-Bewegung öffnet und schließt das Maul zur Futteraufnahme, die Vor-Zurück-Bewegung dient dem Weiterschieben der Futterballen und die seitliche Bewegung ermöglicht den Mahlvorgang.

Die Vorwärts-Rückwärts-Beweglichkeit sollte ca. einen cm betragen. Die seitwärts Beweglichkeit muss zwischen 25 bis 30mm zu jeder Seite hin betragen. Die angegeben Werte gelten für ein durchschnittlich großes Warmblutpferd. Das Kiefergelenk muss sich also in diesen drei Dimensionen frei bewegen können um ein ermüdungsfreies und ausbalanciertes Kauen zu ermöglichen.

Das Kauen selber ist die Wiederholung einer rhythmischen, kreisförmigen Bewegung. Sie wird durch die kontrollierte Kontraktion, der für die Bewegung des Kiefers zuständigen Muskelgruppen koordiniert. Blockiert ein Zahn eine dieser Bewegungsrichtungen so ist dieser als Problemzahn anzusehen! Der Oberkiefer ist breiter angelegt als der Unterkiefer dadurch ist es nicht möglich, dass auf beiden Seiten gleichzeitig gekaut wird, das Pferd muss immer wieder die aktive Seite wechseln. Wird gleichmäßig gewechselt entsteht ein gleichmäßiger Abrieb auf beiden Seiten und der Kiefer bleibt in Balance.

Da die Okklusionsflächen der Backenzähne geneigt sind, wird beim Kauzyklus nachdem der Unterkiefer zuerst nach unten und dann nach außen bewegt wurde beim nach oben Führen der Unterkiefer nach innen bewegt. Während der Einwärts-Bewegung findet der Mahlvorgang statt. Die Neigung der Okklusionsflächen der Backenzähne sollte 12-15 Grad betragen.

Von entscheidender Bedeutung für den Kontakt der Backenzähne ist die Länge und der Winkel der Schneidezähne. Der Winkel der Schneidezahnkaufläche sollte etwa 10 Grad betragen. Sind die Schneidezähne zu lang, verschlechtert sich der Kontakt der Backenzähne. Der gesunde funktionstüchtige Kiefer eines Pferdes befindet sich in einer frei beweglichen 3 Punkt Balance – die Backenzähne der rechten Kieferseite, der linken Kieferseite und die Schneidezähne sind in Kontakt. Bei einem so ausbalancierten Gebiss verteilt sich der Kaudruck zwischen Backen-, Schneidezähnen und Kiefergelenk.

Dieser Artikel wurde bereitgestellt von Tatjana Peter.

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