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Katzen-Kita auf dem Bauernhof

Katzen-Kita auf dem Bauernhof Foto: Patricia Lösche

Einzelfallbeobachtungen sind keine wissenschaftlichen Studien. Aber sie geben manchmal Einblicke in die Tierwelt, die tiefer und verblüffender nicht sein könnten. Sie werfen Fragen auf – und machen uns bewusst, dass wir bei allem Wissen längst noch nicht alles wissen. So wie die Geschichte von Minka.

Minka wird auf dem Hof geboren. Hochträchtig zieht ihre Mutter zwischen die großen Strohquarder im Stall. Manchmal sieht man sie schattengleich davonhuschen. Oder es trifft einen ihr misstrauisch-starrer Blick irgendwo aus dem Dunkel. Mehr nicht.

Die Welpen verrät anfangs gelegentliches Fiepen, nach einigen Wochen verschwinden hin und wieder ein paar kleine Schwänze im Schutz des Gänge-Labyrinths zwischen den Ballen, kaum lange genug sichtbar, um zu wissen, wie viele es sind und welche Farbe sie haben. Eine wilde kleine Katzenfamilie, die vom Menschen außer Schlechtes nicht mehr erwartet als eine Scheune zum Schlafen.

Als die kleine Familie nach drei Monaten verschwindet, bleibt nur eines der Jungen in der Nähe. Es streift hin und wieder über die Koppel am nahen Waldrand, kommt aber nicht mehr auf den Hof. Erst im April 2012, knapp einjährig, kehrt sie auf den Dachboden des Pferdestalles zurück. Manchmal, wenn ich sie in flagranti in einer der Pferdeboxen überrasche, trifft mich der durchdringende Blick bernsteinfarbener Augen, bevor die Katze in langen Sätzen flieht. Ein grau getigertes Kätzchen mit weißem Latz, klein und mager – bis auf einen verdächtig runden Bauch: Offensichtlich ein Mädchen und ebenso offensichtlich trächtig.

Nachwuchs

Und richtig: Nach ein paar Tagen ist der Bauch geschrumpft, das Gesäuge geschwollen. Jenseits allen Zugriffs liegt irgendwo eine neue Katzengeneration. Wieder das leise Fiepen aus der Kinderstube, nach einigen Wochen ein kleiner Strauß verschwindender Schwänzchen wann immer man den Stall betritt. Minka ist klug. In der nervösen Ängstlichkeit ihrer ersten Mutterschaft versteckt sie ihre Kleinen perfekt und zur Sicherheit mal hier, mal da.

Bis sie anfangen, das Nest zu verlassen, wenn Mamas Milchbar auf sich warten lässt. Auf der Suche nach ihr versteigt sich anfangs immer wieder mal eines der Kleinen im Gebälk und sitzt am Ende seiner verwegenen Klettertour jämmerlich um Hilfe rufend gefangen in einer Sackgasse. Minka kann ihnen nichts Gutes über Menschen erzählt haben. Kratzen und Beißen der Retter ist schon jetzt ein etabliertes Verhaltensmuster.

Survival – Training

Katzenleben sind kurz, wenn auf der einen Seite der Wohnung eine Bundesstraße verläuft, nicht weit entfernt auf der anderen Seite eine Bahnlinie. Als ihre Kinder alt genug sind, beginnt Minka mit dem Survival-Training. Ich hatte früher einmal beobachtet, wie unsere eigene Katze ihren etwas ungeschickten Welpen das Klettern beibrachte. Dazu kletterte sie vor ihren Augen mehrfach den Baum rauf und runter, nachdem sie eines von ihnen zuvor heruntergeholt hatte.

Die Katzenschule, die ich vom Dachfenster unserer Wohnung zu sehen bekomme, ist ungleich faszinierender, etwas Vergleichbares hatte ich noch nie gesehen oder gehört. Minka trägt eines ihrer Kinder – es sind vier – zur Straße und setzt es am Rand ab. Dann überquert sie sie unversehrt, kommt kurz darauf genau so gesund zurück und trägt den Welpen wieder in den Stall.

Dass diese Szene ist kein Zufall ist, zeigt sich in den nächsten Tagen. Mehrfach trägt Minka ihre Kinder einzeln über die Straße. Schließlich dürfen sie zu zweit mitkommen, wobei eines immer brav an der Straße wartet, bis es abgeholt wird, manchmal nur wenige Zentimeter entfernt vom vorbeirauschenden Verkehr sitzend. Mehr als zwei beobachte ich nie, auch kein selbständiges Überqueren der Straße durch die Jungen.

Minka verschwindet

Klägliches Mauzen und zwei kleine Welpen, die hungrig und unsicher durch den Stall tapern, verheißen nichts Gutes. Sie sind jetzt etwa sechs Wochen alt, eines getigert, eines schwarzweiß, Katerchen, wie sich herausstellt. Minka und die beiden schwarzen Welpen bleiben verschwunden, liegen aber auch nicht verunglückt auf dem Asphalt.

Die Wertschätzung eines gefüllten Napfes macht die beiden Kater schnell handzahm und rund. Sie entwickeln sich zu vitalen kleinen Rüpeln, die Leben und Freiheit tollend und raufend genießen. Wo der eine ist, findet man fast immer auch den anderen. Es ist Ende Oktober, als sich Minka unerwartet auf dem Hof blicken lässt, einige Tage danach kauert sie in sicherer Entfernung und beobachtet ihre halbstarken Söhne beim Fressen. Zierlicher Körper, runder Bauch …

Vier Wochen später bezieht Minka erneut den Stall – zusammen mit ihren Welpen, die unsichtbar zwischen den Strohballen piepsen. Wie sich herausstellt, sind es diesmal nur drei. Es ist Ende November und sehr kalt, schon Anfang Dezember fällt der erste Schnee. Unter diesen Bedingungen wäre es in freier Wildbahn aussichtslos gewesen, die Spätgeborenen großzuziehen, sie, vielleicht auch Minka, hätten den folgenden langen, kalten, schneereichen und mäusearmen Winter wohl nicht überlebt. Es scheint fast, als habe Minka das Terrain sondiert, und angesichts der vitalen Söhne und des reichlich gedeckten Tisches beschlossen, das zu tun, was ihr und den Kleinen unter diesen Umständen das Überleben ermöglichte.

Familien-Zusammenführung

Als sei sie nie fort gewesen, zeigen die beiden erstgeborenen Söhne keinerlei Fremdeln oder Revierverhalten gegenüber ihrer Mutter. Werden die Jungs gefüttert, hält sich Minka anfangs in sicherer Entfernung, noch immer traut sie uns Menschen nicht über den Weg. Ihre Zweitgeborenen – so spät im Jahr könnte es auch ihr dritter Wurf sein – hält sie erst einmal vor uns versteckt. Bis ich sie eines Morgens schlafend im Stroh finde: Ein eng zusammen gekuscheltes Bündel aus fünf Katzen. Zwischen den beiden Brüdern sind die Kleinen kaum zu erkennen. Minka, am Rand des Lagers liegend, flüchtet erschrocken.

Von jetzt an betreuen die Kater ihre inzwischen etwa fünf Wochen alten Geschwister, Minka kommt zum Säugen und bringt später die Lebendbeute zum Üben. Ihr Fachgebiet sind Verteidigung, Benimm und Anstand. Sie achtet streng darauf, dass die Jungen bei der eisigen Kälte nicht raus in den Schnee gehen.

Vielleicht ist irgendwann die Versuchung zu groß, vielleicht weckt der Geruch der Milch Erinnerungen an zu früh Verlorenes? Mehr als einmal sehe ich einen der Halbstarken tretelnd und völlig selbstvergessen mitsaugen! Minka, deutlich kleiner als die Söhne, lässt ihn gewähren, bis er mit nassem, besoffenem Katzengesicht einschläft.

Babysitter auf vier Pfoten

Die Brüder kümmern sich rührend um ihre Schwestern. Zwei sind es noch, beide dreifarbig, eines Schildpatt mit weißem Latz, eines weißgrundig mit kunterbunten Flecken. Das dritte Kätzchen hatte jemand mitgenommen. Die Großen sind Babysitter, Heizung und Hygienebeauftragte, sie zeigen dem Nachwuchs, wie man satt wird ohne zu jagen, sie spielen mit ihnen und die Welpen folgen ihnen durch die Scheune. Es sind die Kater, die ihren Schwestern für eine Idee vom artgerechten Speiseplan gelegentlich tote Mäuse vorlegen. Manchmal kauern sie im Stroh und bewachten den Schlaf der Geschwister.

Als die Kater zur Kastration abgeholt werden, ist Minka spontan wieder Vollzeit-Mama, nach Rückkehr der Brüder wird die Katzen-Kita erneut geöffnet. Allmählich weicht die Menschenscheu der Katzenmutter, schließlich sitzt auch sie am Napf und lässt sich sogar am Kopf kraulen. Kurze Zeit später wird sie kastriert.

Diese Familien-Kooperation zieht zwei sozial kompetente Katzenkinder auf. Minka und die Kater bleiben auf dem Hof, von den Welpen wird eines wegvermittelt, das andere zieht mit uns, dem Hund und unseren drei Stubentigern weit aufs Land ins Katzenparadies fernab von jedem Durchgangsverkehr. Ein perfekt erzogenes, hübsches weiß-buntes Glückskätzchen. Wie selbstverständlich fügt sie sich in ihr neues Leben, ist sofort stubenrein, extrem selbstbewusst und nie aggressiv. Sie hält sich vorbildlich an die Katzenetikette, schaut sich alle Sitten und Gebräuche ihrer neuen Familie von den drei Großen ab, so wie sie es von Anfang an gelernt hat. Ihre Schwester, wird mir erzählt, verhält sich nicht anders.

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