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Raus mit der Sprache – aber wie? Konflikte lösen mit Gewaltfreier Kommunikation

Schlagfertigkeit ist cool. Und witzig. Und absolut in. Es gibt mittlerweile sogar Kurse, in denen man lernen kann, „Meckerern“ frech und spritzig über den Mund zu fahren, bis diesen nichts mehr einfällt. Der Haken: Was einen anderen mundtot macht, beendet jede Form von Kommunikation. Mit Folgen, die über den Moment hinaus kaum wünschenswert sind.

Manchmal ist es zum Aus-der-Haut-fahren. Ob Fahrgast, Chef, Kollege oder Ehepartner, die Tante an der Supermarktkasse oder der Blödling, der einem gerade die Vorfahrt geschnitten hat – Tag für Tag genehmigen sich zahllose Mitgeschöpfe die überflüssigsten Übergriffe auf das eigene Wohlbefinden. Dabei könnte die Welt so schön sein. Und als ob es damit nicht schon genug wäre, kommt allerorten irgendwer mit guten Ratschlägen um die Ecke, wie Meckerern am besten zu begegnen sei. „Ruhig bleiben“, „Atmen“, „Einfach ignorieren“, „Immer lächeln“ – spätestens dann, wenn ein Krampf die Backen verzieht, wird einem klar: Auch Ratschläge können Schläge sein. Oder für den Allerwertesten.

Es gibt eine Menge Strategien, die helfen sollen, die Unbilden des Alltags zu umschiffen, anstatt sich davon mitreißen oder herunterziehen zu lassen. Viele sind derart kompliziert, dass man sie im Bedarfsfall gar nicht anwenden kann. Menschen kommunizieren auf vier Ebenen? Schön für sie – aber wer hat schon den Nerv, im Eifer des Wortgefechts auszuklamüsern, was gerade als Selbstbekundung, auf Sachebene, Beziehungsseite und Appellseite mitgeteilt wird? Wer vom Wortgefecht betroffen und nicht bloß „außenstehend“ ist, hat damit in Echtzeit zumeist arge Schwierigkeiten.

Der Ursprung des Problems ist ein gesellschaftlicher. Denn nichts ist in heutiger Zeit so out wie das Eingestehen und Zulassen von Emotionen. Vor allem solchen, die unangenehm sind – Wut zum Beispiel, Ärger oder Frustration, Zorn, sogar Furcht, Ratlosigkeit, Angst und Traurigkeit oder Bedauern. Unangenehm sind solche Empfindungen nicht nur für den, der sie hat, sondern auch für dessen Umfeld. Dieses wäre häufig lieber nicht Zeuge diversen Ausdrucksverhaltens, nicht zuletzt, um sich selbst vormachen zu können, dass die Welt rundherum einfach nur in Ordnung ist. Verhalten lässt sich leicht beeinflussen, indem man Druck ausübt, wofür ganz subtile Verurteilungen ein probates Mittel zu sein scheinen. Wer will schon gern als Giftzwerg, HB-Männchen, Weichei oder Jammerlappen tituliert werden? Also wird runtergeschluckt – von Kindesbeinen an. Und weil man weiß, dass man nur wegen der Meinung anderer schluckt, wachsen und gedeihen ein ewiges Hin und Her unausgesprochener Beschuldigungen und der fatale Automatismus, so ziemlich alles persönlich zu nehmen.

Wie kommt man da wieder raus? Wie kann das gelingen, die Dinge nicht mehr persönlich zu nehmen? Die Antwort ist einfach, aber nicht einfach umzusetzen. Sie lautet: Mit Empathie, zu Deutsch Mitgefühl. Wer es schafft, sich in andere Menschen einzufühlen, sich in sie hineinzuversetzen, nachzuvollziehen, warum was in ihnen vorgeht, bezieht die Dinge automatisch nicht mehr auf sich selbst. Und wird gänzlich unabhängig von allem, was andere Menschen tun oder sagen. Genau dieser Gedanke steht hinter dem Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Marshall B. Rosenberg, einem US-Psychologen, dessen Konzept mittlerweile auf der ganzen Welt bekannt ist und in Unternehmen und Schulen, im Privatleben, in Verbänden und Organisationen, Politik und Religion gleichermaßen ausprobiert und praktiziert wird.

Wer sich auf die GfK einlässt, erkennt an, dass Menschen grundsätzlich „Gutes“ bewirken wollen – denn helfen oder auch schenken fühlt sich einfach gut an, insbesondere, wenn uns Wertschätzung oder Dankbarkeit zurückgegeben werden. Die GfK geht zudem davon aus, dass ein Mensch mit allem, was er tut (oder sagt) versucht, sich Bedürfnisse oder Werte zu erfüllen und dass das, was er in einer Situation ganz konkret tut (oder sagt) das Beste ist, was er zu diesem Zeitpunkt zu tun in der Lage ist. Und dass er das nur für sich tut, nicht gegen andere. Vor dem Hintergrund dieses Menschenbildes regt die GfK dazu an, Situationen ohne Wertungen zu betrachten, sich die eigenen Emotionen bewusst zu machen, die in der Situation ausgelöst wurden und zu hinterfragen, was man brauchen würde, damit sich unangenehme Emotionen vielleicht in angenehme umwandeln ließen. Gleiches wird in Bezug auf die mutmaßlichen Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers versucht. Und schließlich wird geschaut, welche Strategien sich anbieten, um die Bedürfnisse aller Beteiligten zu erfüllen. Denn der Witz an Emotionen ist, dass sie immer dann angenehm sind, wenn sich Bedürfnisse (oder Werte) erfüllt haben (wir bekommen haben, was wir in einer Situation brauchten) und dass sich Emotionen unangenehm anfühlen, wenn das nicht geklappt hat. Zwar lassen sich Bedürfnisse tatsächlich nicht immer allseits erfüllen, aber erstaunlich oft eben doch. Und mit ein bisschen Übung immer öfter. Häufig reicht die bloße Einfühlung sogar schon aus, um Konflikte zu entschärfen.

Ein alltägliches Beispiel aus dem Busfahreralltag: Man stoppt an der Haltestelle, öffnet die Türen und ein älterer Herr mit missmutigem Gesicht entert den Einstieg, knallt ein paar Münzen auf den Tresen und brummt „Ob ich das nochmal erlebe, dass Sie sich an den Fahrplan halten?“. Außer Geld zählen und Fahrschein herausgeben kann den Fahrer parallel eine Menge beschäftigen. Ignorieren oder antworten? Wenn antworten – was? Aber was für ein Vollidiot, soll ER sich doch mal hinters Steuer setzen und sich durch den Verkehr kämpfen … . Schon sind wir mittendrin im urteilen und persönlich-nehmen. Und je nach dem wie oft einem solche und andere unangenehmen Dinge am Tag schon passiert sind, schnauzen wir im Fall der Fälle den alten Griesgram an – oder eben den nächsten. Oder schlucken ein ums andere Mal runter, was wir fühlen. Bis es sich nach Feierabend ausgeschluckt hat und die liebe Gattin ihr Fett weg kriegt. Wegen irgendeiner Kleinigkeit.

Wer die GfK ausprobieren will, frage sich zunächst der Klarheit halber: Was ist passiert? Nun, der Bus hat 8 Minuten später als geplant gehalten und ein Fahrgast hat gesagt „Ob ich das nochmal erlebe, dass Sie sich an den Fahrplan halten?“. Was hat das in mir ausgelöst? Ärger? Frustration? Belustigung? Bedauern darüber, dass Straßenverkehr ist wie er ist? Klar wäre man gerne pünktlich gewesen (Bedürfnis), man hat sogar versucht, wo es ging schneller gefahren ist (Strategie). Schließlich ist einem wichtig, dass die Leute auf die Linie vertrauen können, ein gutes Bild vom Unternehmen haben und auch von einem selbst (Werte). Dafür würde man sich eigentlich ein bisschen Wertschätzung wünschen oder Verständnis (Bedürfnisse). Jedenfalls nichts, was nach Griesgrams Worten klingt. Griesgram ist aber auch noch da. Was hat die Sache in ihm ausgelöst, dass er sich hinreißen ließ, zu sagen, was er sagte? Impulskontrolle alle? Und wie! Ärger, Frust, sauer-sein? Aber ja doch – und das fühlt sich auch für ihn nicht angenehm an. Vielleicht musste er irgendwo pünktlich sein, hat auf einen Termin beim Arzt ewig gewartet, besucht jemanden, mit dem das Zusammensein limitiert ist oder will lieber früher als später wieder zu Hause sein (Bedürfnisse). Abstriche machen müssen ist immer bitter. Sicher, er hätte einen Bus früher nehmen können, sicherheitshalber, wenn ihm seine Angelegenheit so wichtig war. Aber wie war das doch gleich? Alles, was ein Mensch tut, stellt einen Versuch dar, sich Bedürfnisse zu erfüllen; was ein Mensch in einer Situation konkret tut, ist das Beste, was er zu diesem Zeitpunkt zu tun in der Lage ist; und er tut das nur für sich, nicht gegen andere. Genauso handeln wir alle.

Also antworten? Könnte Gutes bewirken. Könnte jemandem den Tag retten – einem selbst, diesem Griesgram oder dem nächsten. Oder der lieben Gattin den Abend. Ein gutes Werk mit einem einfachen Satz, der schlicht aufgreift, was das Gegenüber fühlt und braucht – und was man selbst.

„Ob ich das nochmal erlebe, dass Sie sich an den Fahrplan halten?“
„Das klingt, als wären Sie ziemlich sauer, weil Sie gern gehabt hätten, dass der Bus planmäßig kommt.“
„Das kann man wohl sagen.“ Grummelgrummel.
„Tut mir echt leid, ärgert mich selber auch. Lieber hätte ich Sie pünktlich abgeholt als an jeder Ecke im Verkehr festzusitzen. Sie haben es bestimmt sehr eilig.“

Es kann gut sein, dass Griesgram daraufhin nur halb besänftigt weiterstapft. Es kann aber auch sein, dass er sich aufs Gespräch einlässt und sagt: „Naja, so eilig hab ich‘s nun auch wieder nicht.“ Oder dass er erklärt, warum er es heute ganz besonders eilig hat. Aber mit weniger Groll, vielleicht sogar mit einem Lächeln. Einem, von dem man keinen Backenkrampf bekommt, wenn man es erwidert. Oder sagt: „Vielleicht holen wir ja noch ein paar Minuten auf.“

Man kann Konflikte vermeiden oder denjenigen, von dem sie scheinbar ausgehen, bekämpfen. In beiden Fällen gewinnt man nichts. Denn im ersten Fall ignoriert man die eigenen Bedürfnisse und stellt andere auf eigene Kosten zufrieden. Auf Dauer geht das gern an die Substanz. Im zweiten Fall stellt man sich auf Kosten anderer zufrieden – aber wie oft meldet sich im Nachhinein die innere Stimme, die mosert, dass man dieses oder jenes auch anders, besser, hätte machen können? In zwischenmenschlichen Angelegenheiten ruft das „schlechte Gewissen“ dann gern besonders laut.

Wer Konflikten einfühlsam begegnet, umschifft beide Unzufriedenheitsfallen gleichzeitig. Leicht ist das nicht immer. Aber wenn es funktioniert, lebt es sich angenehmer. Gestritten wird stets nur um Strategien, niemals um Bedürfnisse. Strategien gibt es viele, und ans Ziel führen stets mehrere. Und eines kann die Welt wirklich: So schön sein!

Buchtipp:
Serena Rust
„Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanz“
KOHA-Verlag, 176 Seiten
ISBN-13: 978-3936862775

Judith Böhnke

Judith Böhnke, ist ATN-Absolventin mit Spezialisierung auf Hund und Katze sowie VDTT-Vorstandsmitglied und Mitarbeiterin der ATN. Besonders wichtig ist ihr ein achtsamer, gewaltfreier Umgang sowohl mit den Tieren als auch den Tierhaltern. In ihrer Arbeit folgt Judith Böhnke dem Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, welches sie auch auf die Mensch-Tier-Beziehung anwendet. Im Kosmos-Verlag ist 2013 ihr Buch "Mit Hunden gewaltfrei kommunizieren" erschienen, 2014 folgte ebenfalls bei Kosmos "Cocker Spaniel - Auswahl, Haltung, Erziehung, Beschäftigung".

Webseite: www.mensch-tier-akademie.de

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